Nachtlied

Dieses Nachtlied sollte nicht missverstanden werden als ein (Ein-)Schlaf- oder, wenn man will, Wiegenlied. Es ist ein Trostlied für Menschen, die nachts wachen, weil sie keinen Schlaf finden – es gibt es nichts Verloreneres oder Einsameres als sie.

Hier steht die Zeit unbarmherzig still, und auch dieses Stück mit seiner thematischen Kurzhubigkeit am Anfang und seinen Atempausen nach Takt 3 und 6 scheint sich anfangs nicht zu bewegen. Wenn sich ab Takt 7 der Bogen einer zehntaktigen Sequenz spannt und zu einem positiven Ende zu führen scheint, wird dieses sogleich von einem dreifachen, zweifelnd-stockendem Fragemotiv abgewürgt. Es schwankt zwischen Moll und Dur und fragt: „Gibt es Trost und Zuversicht oder nicht?“ Die Antwort, ein positiver Dur-Akkord wird sogleich nach Moll korrigiert und führt zur ersten Variation.

In dieser ersten Variation – poco meno mosso – soll nur einen Hauch von Bewegung gewagt werden, weswegen das Tempo des Metrums reduziert (!) werden muss, damit die nun konstitutiven Achtel nur ein wenig schneller als die anfänglichen Viertel sind. Dieser Abschnitt endet wiederum fragend.

Erst im dritten Teil – poco più mosso – wird das ursprüngliche Tempo ungefähr wieder erreicht und damit die Achtel als Tempoverdoppler erfahrbar. Dieses lebhaftere Zwischenspiel gipfelt in zwei aufsteigenden Arpeggien, sozusagen hoffnungsvollen Fragen, die aber resignativ-absteigend beantwortet werden und zur Ausgangssituation zurückführen: dem resignativen Thema und darauf seiner noch fragwürdigere Wiederholung im entrückten Diskant.

Der ab Takt 100 erwartete Schluss wird dreimal verweigert und führt zu einer letzten Fragesequenz. Ihre Wiederkehr am Ende mit seiner „atemlosen“ Verkürzung durch Viertelpausen sollte als Intensivierung des Fragens verstanden werden: Der Pausenbeginn muss abrupt sein, die Pausen selbst sollten eher noch etwas gelängt werden. Um so tröstender sei dann – nach einem noch einmal hinauszögernden Vorhalt – die abschließende positive Antwort: „Es wird alles gut“.

Diese Komposition erschien zuerst als langsamer Satz in meiner Streicher-Suite Sinfonietta Bergedorf  und jetzt auch in meiner Pop-Sonate c-moll  für Altblockflöte und Klavier.

Hartwig Riedl

Nachtlied - Audio

Originalaufnahme mit dem Komponisten Hartwig Riedl, Klavier

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